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Kleber

Wissenschaft: „Der Unterschied zwischen Anarchismus und Pogoanarchismus“

„Der Unterschied zwischen Anarchismus und
Pogoanarchismus, aufgezeigt anhand des
Beispiels der Anarchistischen Pogo Partei
Deutschlands“

Studienarbeit im Modul: 1.9 Politische Grundlagen
Gruppe: Dienstagnachmittags
Leitung: Prof. Dr. phil. Christine Morgenstern
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm
Fakultät Sozialwissenschaften

Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort ………………………………………………………………………………………………………………………… 3
2 Klassischer Anarchismus …………………………………………………………………………………………………. 3
a) Definition von Anarchie…………………………………………………………………………………………………… 3
b) Der Anarchismus nach Bakunin………………………………………………………………………………………… 4
3 Der Pogoanarchismus …………………………………………………………………………………………………….. 4
a) Leitlinien und Geschichte der Pogo Anarchisten ………………………………………………………………… 4
b) Reformen auf dem Weg zum Pogo Anarchismus ………………………………………………………………… 5
4 Resümee und eigene Meinung…………………………………………………………………………………………. 6

1 Vorwort
Gesellschaften schaffen Werte und Normen mit unterschiedlicher Erwartungshaltung (Kann-,
Soll-, Muss-Erwartung). Stark mit der gesellschaftlichen Wertvorstellung sind auch politische
Ausrichtungen und Ideologien verbunden. Im Marxismus, wie auch im Anarchismus, wird
die Gleichheit des Menschen und das kollektive Streben nach einem gemeinschaftlichen Ziel
betont, während der Kapitalismus das Individuum und Gewinnmaximierung in den Vorder-
grund stellt. Ein weiteres Modell der neueren Zeitgeschichte ist der pogoanarchistische An-
satz, ein eigenständiges Gedankenkonstrukt, das ebenso Normen, Ideale und Werte aufweist.
Hauptvertreter des pogoanarchistischen Modells ist die Anarchistische Pogo Partei Deutsch-
land (APPD) und demnach eine politische Organisation. Im Folgenden wird die Abgrenzung
des Pogoanarchistischen Ansatzes zum klassischen Anarchismus genauer beleuchtet.

2 Klassischer Anarchismus
Der Anarchismus wird als soziale Bewegung bezeichnet, dessen Basis aus drei grundlegen-
den Aspekten besteht. Diese werden im Folgenden ausgeführt.

a) Definition von Anarchie
(1) Anarchisten sind grundsätzlich gegen jede vom Menschen angelegte Ordnung, deren Ziel
die Auferlegung von „ideologischer, politischer, ökonomischer oder gesellschaftlicher“
Pflichten ist. Sie appellieren an das verantwortungsvolle Bewusstsein des selbstbestimmten,
freien Menschen. Der Anarchismus ist immer gegen die Organisation, wenn diese einen pat-
riarchalischen Hintergrund hat. Somit ist er „antistaatlich, antibürokratisch, antiparlamenta-
risch, antiparteilich, antiverbandlich, antikirchlich“.

(2) Der Anarchismus beschreibt Ideologien als Zeichen von und in Organisationen ausgear-
beiteten Hierarchien, welche sich durch sie stabilisieren. Wie auch in anderen linkspolitischen
Positionen, beginnen die Anarchisten ihre Kritik ebenfalls an den herrschenden Verhältnissen
mit der „Ideologiekritik“. Sie wird dabei bis zum letzten Schritt, der „Ablehnung jeder Theo-
rie“ ausgeführt.

(3) Endgültig zielt der Anarchismus auf eine Gesellschaft ohne Hierarchien ab, eine Gesell-
schaft, in der der kollektive Umgang mit Dingen über den unter Menschen ausgeübten Zwän-
gen und Erwartungen steht. Diese Art von Zusammenleben ist nach dem „Prinzip des Födera-
lismus“ strukturiert und steht in keinem Zusammenhang mit Chaos. „Die Kommune ist die
kleinste Einheit des Wohnens, das Syndikat die Basis der Produktion, Distribution und
Dienstleistung“. Durch autarke, unabhängige Kollektive, die von einer breiten Basis aus
strukturiert sind und möglichst kein Machtgefälle darstellen, wird die Entscheidungsfindung
weitestgehend selbst übernommen und nur falls notwendig auf den verschiedenen Stufen der
Föderation koordiniert. „Als Organisationsmodell stellt A. also eine Föderation von Föderati-
onen weitgehend autonomer Basiseinheiten dar“ (Lösche 2009 , S.8f).

b) Der Anarchismus nach Bakunin
„Kein Staat […] kann dem Volke das geben, was es braucht, nämlich die freie Organisation
der eigenen Interessen von unten nach oben, ohne jede Einmischung, Bevormundung oder
Nötigung von oben, weil jeglicher Staat, selbst der republikanischste und demokratischste,
und sogar der Pseudo-Volksstaat, wie ihn Marx geplant hat, letzten Endes nichts anderes dar-
stellt als die Beherrschung der Massen von oben nach unten durch eine intellektuelle und
eben dadurch privilegierte Minderheit, die angeblich die wahren Interessen des Volkes besser
erkennt als das Volk selbst.“ (Bakunin 1983, S.439).

3 Der Pogoanarchismus
a) Leitlinien und Geschichte der Pogoanarchisten
Die Vorstellungen von Pogoanarchisten haben wenig gemein mit den historischen Wurzeln
des Begriffs „Anarchie“. Sie berufen sich nicht auf Bakunin oder die spanischen „Anarcho-
syndikalisten“, sondern auf die Traditionen der sog. „Punk- und Pöbel-Bewegung“, deren
Anarchiebegriff auf den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen begründet ist. Demnach ist
der ursprüngliche Anarchiebegriff unzeitgemäß. Pogoanarchisten lehnen die freiheitlich de-
mokratische Grundordnung der BRD nicht ab, sondern sehen sie für ausbau- und reformfähig
an. Eine Abgrenzung zum klassischen Anarchismus erfolgt deshalb durch das Wort Pogo
(engl.: durchgeknallt). Die APPD geht damit von einem freiheitlich demokratischen Selbst-
verständnis aus. Im Bewusstsein der eigenen Selbstbestimmung soll dem Menschen ein er-
fülltes Leben ermöglicht werden, dessen Teleologie die Lust ist. Der Pogoanarchismus wurde
1981 von Punks begründet und fußt somit in einer dadaistischen Frühphase und der bekann-
ten “Null-Bock”-Haltung. Das Wort Pogo steht u.a. für den Tanzstil der Punkrockbewegung.
1998 wurde die Anarchistische Pogo Partei Deutschland offiziell als Partei im Sinne des
Grund- und des Parteiengesetz gegründet (APPD-Grundsatzprogramm 1998, S.8ff).

b) Reformen auf dem Weg zum Pogo Anarchismus
Arbeitsreform der Pogoanarchisten:
Der Mensch wird aufgrund fortschreitender Automatisierung der Produktionsprozesse als
Arbeitskraft zunehmend überflüssig. Deshalb soll Arbeitslosigkeit ein Grundrecht jedes Men-
schen werden mit der Legitimation, dass keine Notwendigkeit von Arbeit besteht. Wer die
Einstellung vertritt, Arbeit sei für die Erfüllung seines Lebens unerlässlich, soll nicht gehin-
dert werden sich auf diese Weise zu entfalten. Somit können gleichzeitig die verbleibenden
Produktionsprozesse sichern (APPD-Grundsatzprogramm 1998, S.13f).

Intellektuelle Reform in der Pogoanarchie:
Der Pogoanarchismus verfolgt das Konzept der „ultimativen Rückverdummung“. Dieser Be-
griff ist durchaus positiv behaftet und steht der als negativ betrachteten “Verblödung” gegen-
über. Unter Verblödung versteht man Fehlinformationen, die im entscheidenden Moment
falsch eingesetzt werden und somit Schaden anrichten können (gefördert durch Missbrauch
von Kommunikationsmitteln durch Personen an den Schalthebeln der Macht).
Rückverdummung setzt vor allem, nicht jedoch ausschließlich, im schulischen Bereich ein.
Durch das Wegfallen einer beruflichen Karriere werden unnütze Wissensanhäufungen unnö-
tig. Den Menschen soll (u.a. durch Faulheit) die Gelegenheit gegeben werden, sich überflüs-
siger Bildung zu entledigen und den Wissenstand auf ein Grundwissen zu reduzieren, das in
erster Linie auf angenehmes Überleben ausgerichtet ist (Ideal des dösenden Affen als Wahr-
zeichen der Pogoanarchisten). Durch diese Rückverdummung, die Rückbesinnung auf Wün-
sche und Triebe soll auch die sexuelle Gleichberechtigung voranschreiten (APPD-
Grundsatzprogramm 1998, S.9).

Reform von individuellem Besitz:
Jeder Mensch hat ein Recht auf Reichtum. Arbeitslosigkeit soll bei vollem Lohnausgleich
stattfinden, d.h. jeder, egal ob Arbeitnehmer oder Arbeitsloser erhält ausreichend Geldmittel.
Diese Idee wird mit dem Reichtum der BRD und dem Wegfall der Notwendigkeit der Arbeit
begründet. Produkte sollen in erster Linie dem Konsumenten zugutekommen. Das Privatei-
gentum soll auf diese Weise vom Zwang der Geldbeschaffung befreit werden, um schlussend-
lich Mittel menschlichen Genusses zu werden (APPD-Grundsatzprogramm 1998, S.22f).

Reform zur sozialen Schließung:
Schritt für Schritt soll durch Schaffung von Kantonen und Homelands (sog. Zonen) der je-
weiligen Gesellschaftsgruppe die Möglichkeit verschafft werden, sich mit Gleichgesinnten
gemäß ihrer Neigungen zu entwickeln. Diese Entwicklung wird unter dem Begriff „Balkani-
sierung Deutschlands“ geführt. In diesen Freiräumen können Menschen ihren einzigartigen
Lebensstil ohne große staatliche Reglementierung ausleben. Der Pogoanarchismus teilt die
Gesellschaft grob in drei Gruppen ein, von der jede ihre Daseinsberechtigung hat und dazu
berechtigt ist, ein Leben nach den eigenen Bedürfnissen zu führen. Dieses Modell versucht
die Verschiedenheit der Menschen aufgrund ihrer bevorzugten Lebensweise zu sehen. Diese
Zuordnung soll aus freiem Willen geschehen und niemand hat das Recht, Zwang auszuüben.
Asozialen soll ein Leben in Freiheit in der Asozialen Parasitenzone ermöglicht werden. Der
Asoziale kennzeichnet sich durch konsequente Leistungsverweigerung, dekadente Lebens-
weise und ein Leben nach dem Lustprinzip aus.
Leistungswillige sollen in der sicheren Beschäftigungszone ein Leben in Frieden führen kön-
nen. Sie sind bereit Zeit für Arbeit und Karriere zu opfern, dulden keine Verschwendung in
ihrem pflichtbewussten Leben und sehen es als Selbstverständlichkeit an, den Ertrag der Ar-
beit nicht selbst zu genießen.
Gewalttäter bilden die dritte Gruppe. Ihr Ideal ist ein Leben für das Abenteuer. Dieses erfah-
ren sie in den Gewalttäter-Erlebnisparks. Gewalt und Brutalität stellen dabei einen Bestand-
teil ihres Lebens dar. Obwohl die Grundeinstellung der Gewalttäter von Pogoanarchisten
nicht geteilt wird, müssen auch sie ihre Vorstellungen ausleben dürfen, ohne dass nichtge-
walttätige Personen in Mitleidenschaft gezogen werden (APPD-Grundsatzprogramm 1998,
S.24ff).

4 Resümee und eigene Meinung
Da die Unterschiede des Pogoanarchismus und des klassischen Anarchismus sehr tiefgehend
und die Herangehensweisen einer Änderung des Systems sehr differenziert sind, ist es mir im
Rahmen dieser Studienarbeit leider nur möglich, die wichtigsten Merkmale herauszuarbeiten.
Zu Beginn möchte ich die Daseinsberechtigung des Pogoanarchismus und das damit geltende
Demokratieverständnis der APPD darstellen. Da die APPD eine Partei ist und somit die Ak-
zeptanz der repräsentativen Demokratie und des Parlamentes darstellt, kann ihr politisches
Profil nur die Reformierbarkeit des Systems als Ziel haben (Meinert 2013, S. 103). Die APPD
ist also Teil dieses Systems und durch Umsturz dessen würde sie sich als Partei selbst auflö-
sen. Der klassische Anarchismus dagegen lehnt jede Art von Staat ab, ist also gegen jede Art
von Regierung, da diese immer Zwang ausübt. Es würden also keine Parteien bestehen, die
hierarchisch von oben nach unten durchstrukturiert sind, sondern Kollektive, die auf einer
breiten Basis autonom angelegt sind und von unten nach oben Macht ausüben. Meiner Mei-
nung nach ist die APPD im Sinne einer Dadaistischen Auseinandersetzung mit der Politik von
heute durchaus sinnvoll. Durch das Brechen von Versprechen, Politikverdrossenheit und
Skandale wird die Glaubhaftigkeit der einzelnen Politiker sehr erschwert und die repräsenta-
tive Demokratie verliert an Boden. Vor allem an der Häufung von Volksbegehren wird deut-
lich, dass sich die Bürger wieder mehr Mitbestimmung wünschen. Niedrige Wahlbeteiligun-
gen zeigen auch die bestehenden Zweifel. Deshalb ist meiner Meinung nach die kreative,
sarkastische Auseinandersetzung mitunter eine gute Möglichkeit, Missmut über Politik aus-
zudrücken. Grundsätzlich ist der klassische Anarchismus, da er frei von Zwängen ist, für
mich als wesentlich freieres System anzusehen. Durch bestehende Leistungserwartungen,
Schubladendenken und Klischees wird der Bürger in unserem System sehr schnell verurteilt,
kategorisiert und bewertet. Durch ein freieres System mit individuellen Möglichkeiten könn-
ten diese negativen Eigenschaften gebrochen werden und Menschen so akzeptiert werden,
wie sie sind. Denn nur wenn die Gemeinschaft im Vordergrund steht, wird diese auch als hö-
heres Gut als das Individuum verstanden. Somit würden Unterschiede zwischen Menschen,
die aus verschiedensten Gründen bestehen, nicht gegeneinander aufgewogen, sondern akzep-
tiert und als selbstverständlich angesehen werden. Um das Kollektiv zu wahren, würde das
Akzeptanzniveau des Einzelnen größer und die Gesellschaft integrativer, toleranter und fried-
licher.

Quellen:
APPD (1998): Grundsatzprogramm der APPD.
http://www.appd.tv/images/appd_grundsatzprogramm.pdf, zu Letzt aufgerufen am 8.1.2014
B AKUNIN , Michail (1983): Staatlichkeit und Anarchie. Frankfurt/M. u.a., Ullstein
M ARSCHALL , Stefan (2007): Das politische System Deutschlands. Konstanz: UVK
L ÖSCHE , Peter (2009): Anarchismus. In Nohlen, Dieter / Grotz Florian (2011): Kleines
Lexikon der Politik. München: Beck
M EINERT , Philipp / Seelinger, Martin (2013): Punk in Deutschland: Sozial- und
kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: Transcript

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