Tesa
Kleber

Sicherheit geht vor Schulpflicht

Noch Tage nach dem Fund einer Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg am Nürnberger Hauptbahnhof ist die fräkische Großstadt fest in den Klauen der Angst gefangen. Zur Entschärfung des Sprengkörpers musste das gesamte Areal um den Bahnhof evakuiert werden. Die Stadt stand still und hielt den Atem an. Züge kamen nicht in Nürnberg an. Obdachlose durften ihre Treffpunkte im Viertel nicht mehr aufsuchen. Chaos und Grauen machte sich breit – trotz glücklichem Ende.

Ganz anders sieht das “DJ Dirk” (19), den wir daheim besuchen müssen. Der Gymnasiast sitzt in seinem Zimmer und weigert sich seine Schule zu besuchen. “Niemand kann mir garantieren, dass nicht doch eine Bombe auf dem Schulgelände liegt. Ich habe deshalb seit vier Jahren dem Unterricht am Willstätter Gymnasium nicht mehr beigewohnt.”

DJ Dirk lässt sich den Stoff nach Hause liefern

DJ Dirk lässt sich den Stoff nach Hause liefern

Damit er nicht “volkommen verblödet” bringen ihm seine Mitschüler Material aus der Schule nach Hause. “Ich gehe gar nicht mehr raus – das ist zu gefährlich”, meint DJ Dirk. Der Rektor hat Verständnis für Dirks Situation. Immerhin hat Dirk eine attestierte “Bombenphobie”.

Etwas anders sieht der Fall der kleine Beate (8) aus. “Wir haben am Dienstag Evakuierung gespielt und sind daheim geblieben. Meine Ur-Oma fand das gut und wollte uns Kinder schon aufs Land schicken. Plötzlich hat es geklingelt und zwei Polizisten standen vor der Tür. Die sahen voll böse aus und haben gemeint, dass wir sofort mitkommen müssen, weil es nicht erlaubt ist, nicht so in die Schule zu geh´n. Ur-Oma war voll aus dem Häusschen und hat immer: “Gestapo!” geschrien. Die Nachbarn haben uns alle angeglotzt, als die Polizisten uns zum Auto gebracht haben. Das fand ich nicht so gut.”

Auch Sebastian (22) hat vom Gesetzgeber eine Breitseite in die Fresse bekommen. Wir treffen ihn in der JVA Nürnberg, Mannertstraße. “Ich sitze hier die nächsten eineinhalb Jahre, ey, weil ich nicht in die Berufsschule gegangen bin. Ständig bekam ich Briefe, dass ich ´ne Strafe dafür zahlen soll, aber das habe ich nicht eingesehen, weil ich ja nix verbrochen hab´. Ich hab ja niemanden was weggenommen oder jemanden umgebracht oder so. Aber genauso werd´ ich jetzt behandelt.”

Die APPD fordert aufgrund dieser verständlichen(!) menschlichen Schicksale eine Reform des Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) und eine sofortige Abschaffung der damit verbundenen Schupflicht. Wir fordern zudem bundesweit lebensnahe Fächer auf freiwilliger Basis und schlagen dafür beispielsweise “Drogenkunde in Theorie und Praxis” vor. Dann könnte vielleicht auch DJ Dirk seine Phobie überwinden.

Für ein selbstbestimmtes Leben! Gegen Bomben!

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